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Symposium: Gott (Krieg) und die Welt. Über die gute Unendlichkeit

Oranienplatz 2 10999 Berlin - zum Stadtplan
Samstag 19.01.2019 bis Sonntag 20.01.2019 - Anfangszeit: 14:00 Uhr
Kategorie: Wissen live
Symposium zum 80. Geburtstag von Heiner Mühlmann (19.-20.01.2019)

Mit Beiträgen von: Gerhard Blechinger, Bazon Brock, Jacob Burda, Rainer Gabriel, Thomas Grunwald, Ulrich Heinen, Viktoria Kirjuchina, Heiner Mühlmann, Nico Pezer, Arne Scheuermann

Samstag, 19.01.2019, 14-20 Uhr

Sonntag, 20.01.2019, 10-16 Uhr

So ein Augenblick wie heute sollte nie vergehen, singen die Fans in den Stadien. Alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit, sang der Philosoph Friedrich Nietzsche – gerade weil sie ihm nie in den Armen einer Frau gewährt wurde. Von ewiger Schönheit, Jugend und Gesundheit schwärmt die Kosmetikindustrie.

Was bedeutet diese Sehnsucht nach der unendlichen Fortsetzung, das Verlangen nach Dauer und Ewigkeit? Ganz sicher ist die ewige Lust für den Lustempfindenden etwas ganz Irdisches, das sich auf sein Befinden bezieht. Also ein Gedanke der Unendlichkeit in der Endlichkeit. Dieses Unendliche im Endlichen, diese Ewigkeit im Augenblick nannten die deutschen Romantiker die gute Unendlichkeit. Damit konnte man endlich auf die Kinderfrage antworten, was denn gewesen sei, bevor Gott die Welt geschaffen habe. Denn es nützt nichts, alles Geschenen bloß auf Ursachen zurückzuführen, weil jede Ursache sich ihrerseits Ursachen verdankt und so zurück bis in die Sinnlosigkeit (regressus ad infinitum).

Samstag, 19.01.2019

14 Uhr
Bazon Brock: Die Sorge des Hausvaters
Über die gute Endlichkeit des menschlichen Lebens

„Vater, worauf stand der liebe Gott, als er die Welt geschaffen hat?“ Wir beginnen die langsame Heimkehr von dieser Kinderfrage zur Frage Luhmanns: „Lieber Habermas, was tun wir nach dem großen Konsens?“ Leibniz präjudizierte die Infinitesimalrechnung. Das ist die tatsächliche Versöhnung von Endlichkeit und Unendlichkeit, also die gute Unendlichkeit. Zeitgemäß essayistisch ausgedrückt, versöhnt sie Rhetorik und Dialektik in der Poesie.

15 Uhr
Viktoria Kirjuchina: Die rhetorische Funktion des Nicht-Darstellens in visueller Kommunikation

Bedingt durch die Einflüsse einer Ideologie der Ästhetik steht unsere Gesellschaft den Wirkungen, die von visuellen Medien ausgehen, etwas hilflos gegenüber. Es sind die Praktiker der visuellen Kommunikation selbst, die die beabsichtigten Wirkungen intuitiv veranlassen, doch oftmals nicht im Stande sind, die Wirkursachen dafür zu erkennen. Heiner Mühlmanns Forschungserkenntnisse zur Funktion rhetorischer Effekte erweisen sich als das methodische Instrument, um beispielsweise in Kampagnenmotiven den für die persuasive Wirkung ausschlaggebenden Stimulus zu erkennen. Ein prägnantes Beispiel dafür ist das Nicht-Darstellen, das Aussparen der emotional stärksten Stelle. Auf diese Weise entsteht der ranghöchste Kunstgriff der Rhetorik. Das Durchdringen dieses methodischen Wissens in der Lehre der visuellen Kommunikation schafft eine zwanglose und doch sehr effektive Verbindung zwischen Theorie und Praxis.

16 Uhr
Arne Scheuermann: Zur Visuellen Rhetorik des Terrorismus
Das Editorial Design des IS-Magazins ‚Dabiq‘ im Lichte von Heiner Mühlmanns Konzept kultureller Evolution

In den Jahren 2014 bis 2015 erschien im Internet das vom sogenannten IS herausgegebene englischsprachige Online-Magazin „Dabiq“. Es richtete sich gleichermaßen an nicht-arabischsprachige Interessierte im Westen wie an Dschihadisten im syrischen Bürgerkrieg, an die Kämpfer verfeindeter Einheiten wie an die demokratischen Gegner des IS. Diese redaktionelle Herausforderung lässt sich auch am Editorial Design ablesen: Zu beobachten ist ein Heft mit vier Zielgruppen im Ringen um seine gestalterische Form. Hierbei zeigt die rhetorische Designanalyse des Magazins, dass und wie sich die visuelle Kommunikation von Terror als Ergebnis eines evolutionären Lernprozesses verstehen lässt, der eng mit den Dynamiken terroristischer Kommunikationsziele verknüpft ist.

17 Uhr
Jacob Burda: Von der schlechten zur guten Unendlichkeit Vom Regress ad infinitum zur romantischen Universalpoesie

In meinem Vortrag hinterfrage ich die „übliche“ Lesart der frühen deutschen Romantik. Ich schlage eine Lesart vor, die sich auf die Idee der „guten Unendlichkeit“ konzentriert. Diese Vorstellung wird herkömmlich Hegel zugeschrieben. Ich zeige aber, dass vornehmlich Friedrich Schlegel sie zur Diskussion stellte. Gute Unendlichkeit ist mit der Endlichkeit vereint und ihr nicht entgegengesetzt. Ich will zeigen, wie diese romantische Vorstellung von der Unendlichkeit wesentlichen Aspekten der Romantik zugrunde liegt, wie z.B. der „Unverständlichkeit“, der „Ironie“ und der Methode des „Wechselerweises“.

18 Uhr
Heiner Mühlmann: Das Gespür für die gute Unendlichkeit

Neokratylismus, – so nennen die Linguisten den Bezug zwischen dem Sprachzeichen und dem Körper des Sprechers. Dabei handelt es sich um eine modifizierte Wiederaufnahme des Problems aus Platons Kratylos-Dialog: „Gibt es einen notwendigen Bezug zwischen Sprache und Realität?“ Im Neokratylismus hat sich der Bezug von der Außenwelt auf die Innenwelt des Organismus von Sprecher und Zuhörer verlagert. Von besonderem Interesse sind poetische Sprachfiguren, die – als Manifestation der guten Unendlichkeit – ohne jeden Umweltbezug Körperreaktionen auslösen.

Sonntag, 20.01.2019

10 Uhr
Thomas Grunwald: Wie die Welt aus dem Kopf kommt – und was die Epileptologie von der Rhetorik lernen will

Epileptische Anfälle können Menschen vorübergehend der Möglichkeit berauben, von der Welt zu wissen und sich bewusst zu ihr zu verhalten. Manche Epilepsien können den Betroffenen auch die Möglichkeit nehmen, ihr Gedächtnis zur Schaffung der Zukunft ihrer Welt zu nutzen. Die Epileptologie hat einiges darüber lernen können, wie das Gehirn Relevanz kodiert, um Gedächtnisinhalte zu speichern. Davon aber, wie man Relevanz schafft, können die Neurowissenschaften nicht sprechen. Statt darüber zu schweigen, können sie nun aber beginnen zu fragen.

11 Uhr
Gerhard Blechinger: Heiner Mühlmann als politischer Philosoph

Der heutige politische Diskurs in Deutschland ist wenig geprägt von Beiträgen aus den philosophischen Disziplinen. Und für eine Politik des erfolgreichen Inkrementalismus ist es tatsächlich gleichgültig, ob die Feuilletons den utopischen Liberalismus oder eine Theorie von gewaltfreien Verständigungsverhältnissen in die Meinungsökonomie entlassen. Für die strategische Gestaltung von Politik ist Entwicklung eines diskursiven politischen Instrumentariums allerdings unerlässlich, das Wissen um gesellschaftliche Mechanismen grundlegend. Heiner Mühlmanns Neuformulierung der Kulturanthropologie entwickelt diese Kategorie von Begriffen, deren Brisanz und politische Kraft sich erst noch entwickeln wird. Beginnen wir mit einer Exegese.

12 Uhr
Ulrich Heinen: Krieg. Stil. Staat. Rubens, gelesen mit Heiner Mühlmann

Als Flüchtling geboren – hineinerzogen in die Elite, die ihr Leben lang an der Wiederherstellung des Zivilen zu arbeiten hatte – und am Ende immer noch im Krieg. Die Synthese des taciteischen (handlungspraktischen) und des stoischen (naturtheoretischen) Denkens bot für Rubens und seine Umgebung eine Grundlagen zur Rekonstruktion der Gesellschaft, die bis heute nachwirkt. Es ist kein Zufall, dass gerade Rubens’ politische Arbeit mit den kulturanthropologischen Theoremen zusammegelesen werden kann, die Heiner Mühlmann seit seinen frühen kunstgeschichtlichen Überlegungen auf- und ausgebaut hat. 

Mittagspause

14 Uhr
Rainer Gabriel: Evidence based bad luck (AT)
Das Konzept der ‚guten Unendlichkeit‘ als Big Data-basierte Design-Anwendung (Projektvorstellung Büro Gabriel)

Wie könnte in einer technikgläubigen Gesellschaft eine Software-basierte Anwendung aussehen, die das Verlangen nach sofortiger Erfüllung aller Wünsche unterläuft und trotzdem ein Gefühl von Glück vermittelt? Die Spurensuche entlang der Mühlmannschen Theorie der Kulturevolution deutet Möglichkeiten an, auf deren Basis das Glück quasi im Rückspiegel erscheint und Ruhe sowie Orientierung in einer strukturell problematischen Zukunft anbietet. Jan Söffner: Tropen und Spiel Eine enaktivistische Sicht aufs rhetorische Denken Der Vortrag verfolgt das Ziel, Tropen ontogenetisch in den Blick zu nehmen. Tropisches Denken, so die These, kann am Kinderspiel nicht allein beobachtet werden – es ist vielmehr wie dieses strukturiert. Diese These wird anhand kurzer Beschäftigungen mit Synekdoche/Metonymie, Metapher, Prosopopöie, logischer Inversion und Ironie ausbuchstabiert.

15 Uhr
Nico Pezer: Wissenschaft und informelle Ideologie (Ideologie ohne offizielle Doktrin)

Informelle Ideologien ohne offizielle Doktrin kommen in vielen Varianten vor, als herrschende Meinung, als Zeitgeist oder als sensus communis. Auch sie entfalten mächtige Wirkung. Nach der Überlieferung glaubte Aristoteles, dass Frauen weniger Zähne haben als Männer – abgesehen vom etwaigen Zahnverlust. Obwohl es für ihn einfach gewesen wäre das nachzuprüfen, hat er vom Nachzählen abgesehen. Es war die allgemeine Meinung. Ich möchte Ihnen in diesem Zusammenhang den Fall eines Schweizer Wissenschaftlers des späten 19. Jahrhunderts vorstellen. Jost Winteler hat durch glückliche Wahl der Methoden und durch präzise Beobachtung des Funktionierens seiner Heimatmundart neue und wertvolle Beiträge zur Sprachwissenschaft erzielt. Persönlich hat er von seiner Arbeit keinen Nutzen gehabt. Sein Scheitern erklärt sich durch die Herrschaft des junggrammatischen Zeitgeistes in den akademischen Zirkeln im deutschsprachigen Raum jener Zeit.

Teilnehmer:
Prof. Dr. Gerald Blechinger, FH Salzburg / Salzburg Urstein Institut
Prof. Dr. Bazon Brock, Denkerei, Berlin
Dr. Jacob Burda, Philosoph, Los Angeles 
Dr. Rainer Gabriel, Kommunikationsdesigner, Wuppertal
Prof. Dr. Dr. med. Thomas Grunwald, Schweizerisches Epilepsie-Zentrum, Zürich
Prof. Dr. Ulrich Heinen, Bergische Universität Wuppertal
Viktoria Kirjuchina, Designerin, Berlin
Prof. Dr. Heiner Mühlmann, Salzburg Urstein Institut
Dr. Nico Pezer, Salzburg Urstein Institut
Prof. Dr. Arne Scheuermann, Hochschule der Künste Bern
Prof. Dr. Peter Sloterdijk, Philosoph, Karlsruhe/Berlin
Prof. Dr. Jan Söffner, Zeppelin Universität Friedrichshafen

von: Denkerei

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