Verkehrte Welt: Was Liberalismus ist, scheint nach Jahrzehnten neoliberaler, d.h. wirtschaftsliberaler Politik reichlich unklar geworden zu sein. Jetzt erst ist ein Buch auf Deutsch erschienen, das bereits vor 25 Jahren in den USA veröffentlicht und dort schnell zu einem Klassiker der modernen politischen Philosophie wurde: Judith N. Shklars "Liberalismus der Furcht". Der originelle Ansatz von Shklars prägnantem Text besteht darin, einen Liberalismus "von unten" zu denken, der nicht länger von der Suche nach einer idealen gesellschaftlichen Ordnung bestimmt ist, sondern seinen argumentativ Ausgangspunkt von dem nimmt, was unter keinen Umständen gewollt werden kann. So sind es beobachtbare Tatsachen wie z.B. Rassismus, soziale Ungerechtigkeit, wirtschaftliche Not, Flucht und Vertreibung, deren Aufhebung eine liberale Philosophie begründen kann. Nicht ein höchstes Gut, sondern der Kampf gegen die größten Übel soll den Liberalismus der Minderheiten begründen. Ein solcher "situierter" Liberalismus "ohne Pause" setzt weder bei moralischen Prinzipien noch beim erhofften Ausgleich privater Interessen an, sondern bei der Sensibilisierung für Ungerechtigkeiten. Die aktuelle Bedeutung solcher politischer Philosophie springt ins Auge, denn sie durchdenkt das Unbehagen am traditionellen Liberalismus gründlich.
(Quelle: Internetseite)