Mit "Das Fenster" legt Gabriele Treige einen literarisch dichten Roman vor, der aus einer scheinbar alltäglichen Beobachtung eine existenzielle Erschütterung entstehen lässt. An einem ruhigen Sonntag im Mai richtet die Ich-Erzählerin wie gewohnt ihren Blick auf das gegenüberliegende Fenster der Mutter – ein tägliches Ritual der Beruhigung. Doch an diesem Morgen bleibt das Fenster geschlossen. Was als flüchtige Irritation beginnt, entwickelt sich im Verlauf des Tages zu einer quälenden inneren Unruhe. In präziser, zurückhaltender Sprache entfaltet der Roman das Innenleben der Erzählerin: Gedanken kreisen, Erinnerungen drängen sich auf, alte Verletzungen und unausgesprochene Konflikte treten hervor. Die komplexe Beziehung zwischen Mutter und Tochter, geprägt von Nähe und Distanz zugleich, gerät ins Wanken. Während das äußere Leben unbeirrt weiterläuft, verschieben sich im Inneren Gewissheiten, Wahrnehmungen und Projektionen. Das Fenster ist ein Roman über familiäre Bindungen, über die Angst vor Verlust und über die Macht der Vorstellung. Gabriele Treige zeigt eindrucksvoll, wie brüchig das vermeintlich Selbstverständliche ist – und wie ein einziger Tag genügt, um das Gewohnte unwiderruflich in Frage zu stellen. Zur Autorin: Gabriele Treige, geboren 1954 in Berlin, studierte Germanistik und Philosophie. Sie war freiberuflich tätig und veröffentlichte Texte in Anthologien sowie Arbeiten für den Rundfunk. 2020 erschien ihr Roman Die Übermacht des Üblichen bei MartaPress. Sie lebt in Berlin.
Für die musikalische Untermalung sorgt Regina Seehausen mit kurzen Geigenstücken.