Bazon Brock, Lorenz Jäger und Thomas Kapielski sprechen über den legendären Frankfurter Aktionskünstler und Dichter Hans Frosch Imhoff"...Die Zeitlosigkeit des Dichters zwingt uns auf den Punkt: Es ist nichts zu erwarten, was nicht schon da wäre, und alles ist schon da, was je erwartbar war. Keine Ausreden mehr, keine Fluchten in die Vergangenheit oder deren utopische Projektion. Keine Entschuldigung mehr, keine Entlastung, daß die Menschen erst werden, was sie sind. Sie sind es jetzt oder werden es nie sein. Die Vergangenheit ist jetzt, oder es gibt keine. Die Zukunft ist unsere heutige, oder nur eine Chimäre des Unentscheidbaren.
(...)
Wer sich selbst krönt, und das heißt, moderne Subjektivität reklamiert, beugt sich der Einsicht, daß alle anderen sind wie er selbst; wie er, also nicht wie alle! Der Übergang zur Moderne ist ein einziger Kampf mit solchen Göttern, die wir selbst angebaut haben als unsere Kulturen.
Wie der Dichter Imhoff diesen Kampf als Familienvater, als Freund unter Menschen, Liebhaber und Künstler ausficht, ist beispielhaft, denn er versteht, was von uns allen gefordert ist: unsere Werke und Tage in unversöhnlichen Gegensatz zu uns selbst zu bringen, denn aus dem kommt das Maß, an dem wir gemessen werden. Und wenn Imhoff in seiner Selbstkrönung sich so mißt und messen läßt, bewahrheitet sich: er ist einer der größten Schreittänzer seiner Zeit, ein Genie, das ihm zum Dank nur erkennt, weil es nicht erkennt, was es erkennt. So liebt der Gute das Laub der sommergrünen Wälder, besonders Hessens.
Wälder der Erde, Häupter
Voll angenehmer Gedanken.
Menschen, schön und eben,
Auch Goethe.
Die Gesträuche beschienen
Von der Märzsonne
Heldischer Gesinnung.
Überall sind Schlachten. Ein
Glück ist es, entscheidend sein.
Sooft aber
Ich frage, wird mir zur Antwort,
Daß ich das Ähnliche liebe.
Aber ein Glück, das nicht zerstört werden kann, ist kein wirkliches."
Siehe: Bazon Brock: Dichterkrönung in der Wohnküche. Frankfurter Rundschau, 15.06.1991
Zu den Personen
Lorenz Jäger, geboren 1951, studierte Soziologie und Germanistik in Marburg und Frankfurt am Main, anschließend unterrichtete er deutsche Literatur in Japan und den Vereinigten Staaten. 1997 wurde er Redakteur im Ressort Geisteswissenschaften der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», das er seit 2015 leitet. Lorenz Jäger ist Autor mehrerer Bücher, darunter «Adorno. Eine politische Biographie» (2003).
Thomas Kapielski, geboren 1951 in Berlin, studierte Philologie, Physische Geographie sowie Philosophie an der Freien Universität Berlin.
Kapielski veröffentlichte ab den 1990er Jahren Texte u. a. in der Zeit, der FAZ, der Frankfurter Rundschau. Er arbeitet als Schriftsteller, Künstler, Musiker (Mitglied im »Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester«) und Dozent.
Bazon Brock, Bazon Brock, Denker im Dienst und Künstler ohne Werk, ist emeritierter Professor am Lehrstuhl für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal. Er entwickelte die Methode des »Action Teaching«, bei dem der Seminarraum zur Bühne für Selbst- und Fremdinszenierungen wird. Von 1968 bis 1992 führte er in Kassel die von ihm begründeten documenta-Besucherschulen durch. Von 2010 bis 2013 leitete er das Studienangebot „Der professionalisierte Bürger“ an der HfG Karlsruhe. Er ist Gründer der Denkerei / Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen in Berlin (www.denkerei-berlin.de).